Der Berg ist nicht kleiner geworden. Ich bin gewachsen.
2020 war für mich ein schwieriges Jahr. Corona, Isolation und das Gefühl, ständig müde zu sein. Nicht nur körperlich, sondern auch im Kopf. Schon nach drei Kilometern auf dem Fahrrad brannten meine Beine. Ehrlich gesagt habe ich Fahrradfahren gehasst. Ich konnte überhaupt nicht verstehen, warum Menschen freiwillig stundenlang auf einem Sattel sitzen.
Dann fragte mich mein Nachbar und guter Freund eines Sonntags, ob wir gemeinsam eine Runde fahren. Ich sagte zu.
Nach wenigen Kilometern wollte mein Körper eigentlich aufgeben. Meine Beine schmerzten, mein Kopf sagte mir, dass das eine schlechte Idee gewesen war. Aber wir drehten nicht um.
Mein Freund fuhr einfach weiter. Nicht, weil er mich unter Druck setzen wollte. Sondern weil er an mich glaubte, als ich selbst noch nicht an mich glauben konnte.
Er wartete oben am Berg. Er feuerte mich an. Und als ich endlich oben ankam, genossen wir gemeinsam die Aussicht.
Am nächsten Sonntag fuhren wir wieder.
Und den Sonntag darauf auch.
Ohne Trainingsplan. Ohne Leistungsdruck. Einfach gemeinsam.
Aus einer Fahrradtour wurde eine Gewohnheit.
Aus einer Gewohnheit wurde Freude.
Heute fahren wir ganz selbstverständlich 80 oder sogar 100 Kilometer. Die Berge sind nicht kleiner geworden. Manche sind sogar deutlich steiler als damals.
Der Unterschied ist nicht der Berg.
Der Unterschied bin ich.
Heute weiß ich, dass Veränderung selten mit Motivation beginnt. Sie beginnt oft mit einem Menschen, der an uns glaubt, bis wir selbst wieder daran glauben können.
Genau deshalb sehe ich mich heute nicht als jemanden, der Menschen verändert. Sondern als Trainer und Begleiter. Jemand, der ein Stück des Weges mitgeht. Der wartet, wenn der Anstieg gerade schwer ist. Der daran erinnert, dass die Aussicht jede Anstrengung wert sein kann.
Ich wünsche jedem Menschen so einen Freund. Jemanden, der nicht vorausfährt, sondern mitfährt. Der nicht bewertet, sondern begleitet. Der nicht sagt: "Du musst schneller werden." Sondern: "Komm, wir schaffen den nächsten Berg gemeinsam."
Denn ich glaube, dass wir viel weiter kommen, wenn wir nicht alleine wachsen müssen.
Wir sind gemacht, um gemeinsam zu wachsen.
